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Besuch des
Projektes „Der kleine Nazareno“ in Brasilien
9. Juli – 4. August 2008
Nach Besuchen von Projekten mit Kindern in
Asien und Afrika, suchte ich nun im Internet nach einem Projekt in
Südamerika. Meine Suche war erfolgreich und so erhielt ich die
Möglichkeit in den Sommerferien einen Monat im Projekt OPN in
Maranguape, Brasilien zu verbringen.
Die Hälfte der achtzig Jungs (ehemalige
Strassenkinder) war nicht anwesend, da sie die Möglichkeit hatten,
ihre Ferienzeit mit ihren Familien und Verwandten zu verbringen.
Dies enttäuschte mich zunächst etwas. Bald erkannte ich aber, dass
es Herausforderung genug war vierzig Kindern im Alter von 6
– 18 Jahren täglich um sich zu haben und zu versuchen allen
Bedürfnissen gerecht zu werden.
Es war eine tolle Erfahrung zu sehen, welches
Interesse die Heranwachsenden an Malen, Basteln, Puzzlen, Lern- und
Gesellschaftsspielen und an Sportaktivitäten zeigten. Auch freuten
sie sich über jeden persönlichen Kontakt (und Körpernähe). Es war
schön zu sehen, wie die Kinder nach und nach mehr Vertrauen fassten
und immer spontaner und herzlicher auf mich zukamen.
„Tia! Tia!“ (Tante), ertönte es den ganzen Tag,
um Unterstützung zu bekommen oder auch nur um auf sich aufmerksam zu
machen. Jeder wollte der Wichtigste und Liebste sein.
Eifersüchteleien blieben natürlich nicht aus
und die grösste Herausforderung an mich war wohl mich auf
Portugiesisch einigermassen verständlich auszudrücken, um Dinge
richtig zu stellen, zu vermitteln und das soziale Verhalten zu
fördern.
Ein besonderer Moment war der Besuch der
Favelas. Mit der Sozialarbeiterin Silvana konnte ich die ärmsten und
kinderreichsten Familien, die Familien der Schützlinge des kleinen
Nazareno kennen lernen: Die Mütter, falls vorhanden, ausgemerkelt.
Die Geschwister jeglicher Grösse, jeglichen Alters und meist von
verschiedenster (nun abwesender) Väter. Die Wohnverhältnisse
erschreckend: Bretterbuden, Wohnlöcher, Schmutz und Gestank!
Glücklicherweise gibt es Katzen gegen die
Ratten!
Eine 2., wohl noch ergreifendere Erfahrung, war
der Besuch der vielen Kinder, die noch immer auf der Strasse leben,
in Begleitung des Streetworkers Antonio Carlos.
Da diese armseligen, schmutzigen und Aceton-
schnüffelnden Kreaturen oft von A. Carlos besucht werden und sie
Vertrauen zu ihm haben, war es ein Leichtes mit ihnen Kontakt
aufzunehmen.
Immer ähnliche Schicksale treiben sie von
Zuhause auf die Strasse und somit in Drogen und Kriminalität:
Verwahrlosung, Hunger, seelische und körperliche Misshandlungen.
Obwohl ich schon einiges Leid gesehen habe und
bewusst versuchte, mich abzugrenzen, rührte mich ein ca.17-jähriger
Junge zu Tränen: Plötzlich stand er vor mir und fragte:
„Bist DU meine Madrina (Patin)? Nimmst
du mich nun mit zu dir nach Hause, bitte?“
Ich war völlig perplex! Die Kinder hatten nach
allem Möglichen gefragt und gebettelt, Geld, Bonbons etc, aber
keiner hatte mich gebeten, ihn mitzunehmen.
Ich weiss nicht woran es lag; vielleicht daran,
dass mein Sohn im gleichen Alter ist und von Geburt an alle Liebe
und alle Chancen dieser Welt in die Wiege gelegt bekam und sich nie
wirklich um etwas bemühen oder bitten musste. Ich sah dieses
Häufchen Elend vor mir und mir kamen die Tränen. Natürlich sei ich
gerne seine Madrina, könne ihn aber leider nicht mitnehmen, sagte
ich und nahm ihn in den Arm.
„Warum weinst du? Ich bin doch glücklich, dass
ich nun eine Madrina habe, auch wenn du mich nicht mit nach Hause
nehmen kannst. Wann kommst du wieder?“
Ich habe den Jungen nochmals besucht. Er sah
sehr schlecht aus, abgemagert, krank, schmutzig und versuchte sich
nicht anmerken zu lassen, dass er Drogen geschnüffelt hatte. Er
umarmte mich und als seine Kumpane sauer wurden, dass ich nur ihm
ein T-Shirt und eine kurze Hose gebracht hatte, verkündete er
stolz:“ Sie ist doch meine Madrina!“ Und erstaunlicherweise
schimpfte da keiner mehr und jeder freute sich scheinbar wehmütig
mit ihm.

Anhang:
Ich werde nicht nur all diese Kinder
vermissen, die zwar sehr viel Energie brauchten, mir auch viel Liebe
schenkten, sondern auch all die Erwachsenen, die immer für ein
freundliches Wort und ein herzhaftes Lachen Zeit fanden.
Herzlichen Dank für alles!
Claudia


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